Ansbacher Rokoko- Festspiele

Fünf Jahre nach Kriegsende, Anfang August 1950, fand im Rahmen der Kirchweih ein Heimattag mit Rokokofestspielen statt. Damit wurde der Grund für ein Heimatfestspiel gelegt, das getragen vom Heimatverein Ansbach von den 1960-er Jahren bis ins neue Jahrtausend Jahr für Jahr tausende von Besuchern in die Stadt Ansbach, aber vor allem in den Hofgarten lockte. Dann waren immer weniger Ehrenamtliche bereit, die Tänze mit den nicht einfachen Schrittfolgen zu erlernen und in die Kostüme zu schlüpfen. Das Interesse der Zuschauer ging auch zurück und nach den Corona-bedingten Veränderungen im Ablauf fielen die Rokoko-Spiele 2024 dann ganz aus.

Zum 75-jährigen Jubiläum hat die Stadt Ansbach einen Neustart versucht und hat dazu neben dem Heimatverein Ansbach noch viele weitere Akteure aus der Kultur-Szene eingeladen, um mit den Rokoko-Spielen die prägendste Periode der Ansbacher Geschichte, das 18. Jahrhundert, wieder aufleben zu lassen.

Die Ansbacher Rokoko-Spiele sind mit zwei Personen eng verbunden. Die eine ist Markgraf Carl Wilhelm Friedrich, der von 1729 bis 1757 in Ansbacher Schloss regierte, und die andere ist der Spenglermeister und Hobbydichter Konrad Friedrich (3. November 1834 – 4. Oktober 1899). Der vorletzte Markgraf Carl Wilhelm Friedrich stellt mit seiner Gattin Friederike Louise, einer Schwester Friedrichs des Großen, die Hauptperson der Rokoko-Spiele dar. Carl Wilhelm Friedrich wurde 1712 in Ansbach geboren und bestieg im Alter von nur elf Jahren nach dem Tod des Vaters offiziell den Thron. Wegen seiner Unmündigkeit leitete seine Mutter, die Markgräfin Christiane Charlotte als „Obervormünderin“ die Regierungsgeschäfte.

1725 wurde er auf eine dreijährige Bildungsreise, die sogenannte Kavalierstour, durch ganz Europa geschickt. Am 20. Mai 1729 übertrug ihm seine Mutter die Regierung. Mit seiner Gattin hatte Markgraf Carl Wilhelm Friedrich zwei Söhne, wobei der zweitgeborene Sohn, Alexander, am 3. August 1757 die Nachfolge antrat. Carl Wilhelm Friedrich hatte unzählige Liebschaften und mit einer, Elisabeth Wünsch, hatte er vier Kinder. Diese ließ er adeln und als Freiherren von Falkenhausen blüht dieses Geschlecht noch heute.

Carl Wilhelm Friedrich hatte ein ungestümes Temperament und soll sehr jähzornig gewesen sein. Während seiner Regierungszeit führte dies zu unüberlegten Handlungen. Dies und der ausschweifende Lebenswandel waren der Grund, warum er nach seinem Tod alsbald als der „wilde Markgraf“ betitelt wurde.

Konrad Friedrich, der den elterlichen Spenglerbetrieb übernahm und als tüchtiger Handwerker galt, beschäftigte sich in seiner Freizeit viel mit Literatur, schrieb selbst Gedichte, die in der Lokalzeitung veröffentlicht wurden, und verherrlichte ganz im Zeichen der Zeit die Herrscherfamilien. Er beschäftigte sich mit der Ansbacher Geschichte und verfasste unter dem Titel „Der wilde Markgraf“ ein Theaterstück in vier Akten über das Leben des Markgrafen Carl Wilhelm Friedrich. Damit war es dem „Verein zur Hebung des Fremdenverkehrs“ möglich, ein dem Rothenburger Meistertrunk vergleichbares Heimatfestspiel aufzuführen. Die Handlung des historischen Schauspiels ist in zwei Handlungssträngen angelegt. Der eine ist die Beziehung des Markgrafen zur Wirtstochter Margarete, in der er sich verliebt. Sie ist aber dem markgräflichen Jäger Bernhard versprochen. Bei einem Schäferstündchen überrascht Bernhard den Markgrafen mit Margarete. Bernhard geht den Markgrafen mit einem Jagdmesser an und muss daraufhin aus dem Fürstentum fliehen. Margarete bleibt beim Markgrafen und wird seine Mätresse im Schloss. Im zweiten Handlungsstrang werden die Geschicke des Hofjuden Isaak Nathan und dessen Tochter Esther geschildert. Auch hier gibt es eine unglückliche Liebesgeschichte und dem Hofjuden wird ein Betrug mit Edelsteinen vorgeworfen. Der Autor löst die verwickelte Geschichte in ein Happyend auf. Das Theaterstück erlaubt sich weitgehende dichterische Freiheit, fernab der historischen Realität. Das Stück ist auch nicht frei von antisemitischen Ressentiments.

Wie viele andere Städte setzte auch Ansbach in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf den Fremdenverkehr und wollte mit dem Theaterstück verbunden mit Festzügen mit der Vergangenheit Touristen in die Stadt locken.

Das Theaterstück „Der wilde Markgraf“ wurde mit Laiendarstellern am 10. Juni 1894 im Schlosstheater uraufgeführt und dann noch dreimal wiederholt. Für die Bühnengestaltung wurden sogar Originalmöbel aus den Prunkräumen des Schlosses verwendet. Ein Jahr später wurde der 25. Jahrestag der Schlacht bei Sedan mit einem Kostümfest mit dem Hofstaat des Markgrafen und einer erneuten Aufführung des Theaterstücks begangen. Das Interesse erlahmte dann und erst 1910 wurde es dann erneut auf die Bühne gebracht.

1911 gründete sich aus den Reihen des Fremdenverkehrsvereins eine „Dramatische Vereinigung“, die sich um die alljährliche Aufführung des Stückes kümmern sollte. Der Erste Weltkrieg beendete das Vorhaben jäh und erst 1921 zum 700-jährigen Stadtjubiläum wurde das Stück wieder gespielt.

1925 wurde dann überlegt das Geschehen aus dem Theatersaal ins Freie zu holen und den markgräflichen Hofstaat im Hofgarten auftreten zu lassen. Die Kostüme waren da und so entschloss man sich, auch die alten Tänze aus dem 18. Jahrhundert wieder aufleben zu lassen.

1926 teilte die Stadt Ansbach mit, kein Interesse an regelmäßigen Rokoko-Spielen zu haben, womit die Chance vertan wurde, die Festspiele fest in Ansbach zu verankern. Die „Dramatische Vereinigung“ spielte in den folgenden Jahren das Stück unregelmäßig, manchmal ergänzt durch Tanzvorführungen und zwischen 1935 und 1939 erhielten die Festspiele aus Anlass der Kirchweih mit Mozartopern, die im Schlosshof aufgeführt wurden, eine neue Note. Der Zweite Weltkrieg beendete die Rokoko-Spiele.

Nach dem Krieg begann sich langsam auch das Vereinsleben wieder zu regen und dank etlicher Kostüme, die die Wirren der Zeit überstanden hatten, konnte an einen Neuanfang der Rokoko-Spiele gedacht werden. 1949 wurde der Heimatverein Ansbach gegründet. Im Gegensatz zur Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg wollten die Verantwortlichen ein Hoffest wie zu Zeiten des Markgrafen rekonstruieren und die Veranstaltungen in historischer Kulisse durchführen. 1950 wurde dies erstmals realisiert und Tänze in einer Choreografie des Ansbacher Tanzlehrers Martin Brönner aufgeführt. Das Programm bestand aus Kinderbelustigungen, Tanz, Musik, Schäferspielen, bengalischer Beleuchtung und Feuerwerk. Es sollen weit über 10.000 Zuschauer in den Hofgarten gekommen sein.

Seitdem unterliegen die Ansbacher Rokoko-Spiele einer ständigen Verfeinerung und einem ständigen Wandel. In den Festprogrammen der vergangenen Jahrzehnte finden sich immer wieder Konzerte mit unterschiedlichen Werken aus dem 18. Jahrhundert und auch das Theaterstück „Der Wilde Markgraf“ wurde 1992 in einer adaptierten Version wieder aufgeführt. Kern der Spiele war aber immer die Tänze der in Rokoko-Kostümen gewandeten Darsteller aus den Reihen des Heimatvereins auf dem Rasen vor der Orangerie im Hofgarten und das Feuerwerk am Ende.

Anfangs wurden die Rokoko-Spiele nur alle vier Jahre durchgeführt, dann alles zwei Jahre und seit den 1980er-Jahren fanden sie dann jährlich am ersten Juli-Wochenende abgekoppelt von der Ansbacher Kirchweih statt.

Zum 75-jährigen Jubiläum der Rokoko-Spiele in 2025 wurden die Festspiele überarbeitet, aber es soll, wie es schon immer der Grundgedanke war, das markgräfliche Erbe Ansbachs in den Mittelpunkt gerückt werden.

Der Ansbacher Heimatverein wird die Zeit des Markgrafen Carl Wilhelm Friedrich von Brandenburg-Ansbach mit höfischem Treiben vor der imposanten Kulisse der Orangerie im Hofgarten im 2-jährigen Rhythmus wieder aufleben lassen. Galanterie und ein Hauch von Puder und Parfüm verleihen dem Geschehen seinen einmaligen Charakter. Wenn sich die Dämmerung langsam und sanft über den sommerlichen Hofgarten senkt, kostbare Stoffe rascheln und schillern, betörende Düfte und Klänge durch die Luft schweben – dann erwacht vor der imposanten Kulisse der Orangerie das 18. Jahrhundert zum neuen Leben.





Die Ansbacher Rokoko-Festspiele wurden vom Freistaat Bayern ins Bayerische Landesverzeichnis für Immaterielles Kulturerbe Bayern 2026 aufgenommen. Damit wird die lebendige Tradition der Festspiele und das Engagement des Heimatvereins Ansbach gewürdigt.

Text: Alexander Biernot